Statement zu Mana


autor peter pilsl - 2006-04-29


Vor kurzem ist die zweite Runde des Wiener Community-Games http://mana.manila.at Mana zu Ende gegangen. Mana ist das Ergebnis eines neuen Förderungsmodells der MA7 für die Wiener Netzkunst und Netzkultur, wo nicht mehr die Politik sondern die Förderungsnehmerinnen selbst über Empfänger und Höhe entscheiden.

Das ganze unter dem klingenden Motto “Demokratie und Partizipation”. Und selten waren diese Begriffe so unangebracht wie hier.

Die Stadt Wien stellt für 2006 ein Budget von 500.000€ zur Verfügung, dessen Verteilung die (nicht näher definierte und naturgemäss extrem inhomogene) “Community” unter sich selbst aushandeln soll.
Unter der sehr engagierten Leitung von Stefan Lutschinger und einem Personkomitee PK wurden bei einem öffentlichen Kongress innerhalb der damals noch sehr kleinen anwesenden Community (~40 Personen) die Regeln definiert, nach denen sich die Leute das Geld untereinander zuteilen sollen. Ein sogenanntes Community-Game CG wurde entwickelt, wo computergestützt eine Wahl stattfinden soll und dann ein Computerprogramm nach bestimmten Regeln (mit passenden Namen wie “Kannibalismus” = friss die Kleinen) die Förderungsnehmer und Förderungssummen errechnet. Demokratie goes Computerprogramm.
Und irgendwann gabs dann noch ein Validierungsgremium VG, dass das ganze nach nicht näher spezifizierten Kriterien überwachen soll.

Seither ist die Community auf mehrere 100 Personen angewachsen und die Regeln werden auf einer internen Mailingliste aufs heftigste diskutiert, kritisiert, polemisiert und verteidigt. Der Diskurs mischt sich mit offenen und versteckten Ankündigungen der Veratnwortlichen über ständige Regel- oder Fristenänderung. Die Liste ist Chaos und es ist schwer bis unmöglich für Förderungsinteressierte den Überblick zu behalten, was wann gemacht werden soll. Massive Serverprobleme, öffentliche Passwortlisten im Netz tun ihr übriges.

Nach aussen dringt wenig. Die offizielle Homepage http://mana.manila.at enthält kaum Informationen und ist erst wenige Tage vor dem ersten Wahlgang (backbone-voting) online gegangen.
Von Transparenz also keine Spur. Es ist zu keinem Zeitpunkt für externe Künstlerinnen ausserhalb der Mailingslite möglich, konkrete Informationen über die Förderungsvergabe oder Förderungskriterien zu erhalten. So definiert sich also Community : Menschen, die auf möglichst vielen der vier Netznetz-Listen sind und jeden Tag eine Stunde mit dem Studium der mails verbringen, die über diese Listen kommen.

Spätestens bei der ersten Wahl (backbone-voting), wo 50.000€ vergeben werden, stellt sich dann heraus, was das einzige Förderungskriterium ist: viele Freunde und die Fähigkeit diese zu mobilisieren. (Jede ist wahlberechtigt). Jeder Freund der einen wählt ist ziemlich genau 300€ wert und so sieht auch das Ergebnis aus. Wer die meisten Freunde, Onkels und Tanten mitgebracht hat, der bekommt am meisten Geld. Die kleinen müssen unter Zeitdruck (1h) Koalitionen bilden um die Mindestförderungssumme zu erreichen.

Für den zweiten Durchgang (netgrant-voting) hat man daraus gelernt. Es dürfen nur mehr die Antragstellerinnen selbst wählen. Und die Koalitionen werden schon vorher gebildet. Es gibt zB bei Metalab (Inhaltlich aus meiner Sicht ein gutes Projekt) Seminare, wie man die Regeln mit Pseudoanträgen und klugem Stimmverhalten am gewinnbringensten nützen kann und die anderen Künstler geraten in Panik und schliessen sich auch zu Wahlgruppen (”wähl du mich und ich geb dir dann das geld”) zusammen.

Ähnlich wie bei Mafiakontrollierten Wahlen haben dann etliche Förderungswerberinnen Ihre Stimmzettel im Internet veröffentlicht um zu zeigen, dass sie gemäss den Absprachen gewählt haben. All das zeigt den Druck, unter dem die zT sehr guten KünstlerInnen stehen, damit sie zu Geld kommen, um Ihre Arbeit weitermachen zu können.
Im nachhinein werden sich etliche Teilnehmerinnen gegenseitig beschuldigen, sich unmoralisch zu Gruppen zusammengeschlossen haben und sich gegen diesen Vorwurf wehren und auch sonst viel Geschirr zerdeppern.

Damit gibt es für die gesamte Netzkunst- und kulturförderung nur mehr ein Kriterium:

  • genug Freunde (er)finden, die einen wählen / sich organisieren können



Das sind die Förderungskriterien für Wiener Netzkunst 2006. Gerade in dieser Woche wurden auf diese Weise 125.000€ verspielt.

Interne Kritiken werden von der Verantwortlichen mit Totschlagargumenten abgeschmettert ala “nicht jammern, Hemdsärmel aufkrämpeln” oder “Hättet ihr das halt früher gesagt, jetzt ist es zu spät”. Ein Mitglied des PK beschränkt sich in seinen Antworten oftmals auf englische Buch- und Filmzitate und spätestens hier wird auch das persönliche Scheitern und überfordertsein einiger Verantwortlicher klar. Unter der Hand bezeichnen auch Mitglieder des VG das CG als gescheitert, aber man müsse halt das Geld jetzt einfach ausschütten und dann könne man eh über alles reden.

Niemand der Verantwortlichen war mutig genug um das Scheitern einzugestehen und vor dem zweiten Durchgang “Stop” zu rufen oder einen der Stop-rufe aus der Community aufzunehmen. Im Gegenteil : Die Verantwortlichen feiern sich auf der internen mailingliste inmitten des Chaos selbst ab und benoten die “Communityleistung ob ihres dreifachen Rittbergers” mit der Note 9. Brot und Spiele und Selbstdarstellung.

Das Motto des ganzen? Das Motto war “Demokratie und Partizipation”.
WOW !!

Wenn ich in einen Löwenkäfig mit 500 jahrelang ausgehungerten Löwen ein paar Patzen Fleisch werfe, die höchstens für 10 Tiere reichen und dann sage “machts euch das demokratisch untereinander aus”, dann ist das trotzdem noch lange nicht Demokratie, sondern Zynismus der übelsten Art. Egal welche Spielregeln die Löwen dann miteinander ausmachen und welche Sprechweise die Löwen von den Fleischwerfern übernehmen. Drum ist das Mana Community-Game auch kein demokratisches Debakel sondern ein Förderungsdebakel.
(Die Diagnose “demokratisches Debakel” kam von Kritikern auf der internen Mailingliste - die meinten, dass die Community nicht reif für Demokratie sei)

Und hier liegt der wahre Wahnsinn des ganzen Modells. Intern wird heftigst über Regeln gestritten. Regeln die bestimmen, ob KünstlerInnen und Kulturschaffende überleben. Eine absurde Diskussion, denn egal wie die Regeln aussehen: bei einem Modell wo sich die Förderungswerberinnen untereinander das Geld zuteilen/auskämpfen müssen, wird es immer zwangsläufig zu zynischen Konkurrenzkämpfen und schlauen Gewinnern kommen. Mit Kunst- und Kulturförderung hat das nix zu tun. Das ist Zynismus und hat was mit Gladiatorenspielen und Arena zu tun. Und die einzige Chance, hier an Geld zu kommen, ist mitzuspielen und sich den Regeln anzupassen.

Der Autor selbst hat beim backbone-voting als IT-Betreuer für die Medien Malmoe/Fiber/ContextXXi ein Projekt eingereicht (http://www.goldfisch.at/community/mana/backbone) und durch die Stimmen von mitgebrachten Freunden und Koalition mit anderen Projekten 3000€ Förderungssumme zugesprochen bekommen. Malmoe ist aufgrund der Entwicklungen mittlerweile aus diesem Projekt ausgestiegen und verzichtet auf seinen Anteil.

Da der Autor (und auch Malmoe) derzeit nicht existentiell von den Förderungsgeldern abhängig ist (sein Job läuft derzeit gut genug, um damit die Netzkunst- und Netzkultur im eigenen Umfeld selbst zu finanzieren) konnten malmoe und er sich den Luxus leisten, beim zweiten Durchgang ein Verweigerungsprojekt einzureichen (http://www.goldfisch.at/community/mana/boykott), das nicht zur Wahl zugelassen wurde. Diesen Luxus konnten sich viele andere nicht leisten und den Künstlerinnen selbst ist hier kaum ein Vorwurf zu machen.

Meine Forderung an die MA7 und die Verantwortlichen des CG:

  • den Förderungstopf so aufstocken, dass genug Fleisch für alle da ist
  • Verantwortung für Förderungsvergabe darf nicht an die Förderungsnehmerinnen ausgegliedert werden.
  • mehr Selbstreflexion und Selbstkritik bei den Verantwortlichen
  • Ein Mindestmass Transparenz.



Ach ja, das Endergebnis des zweiten Durchgangs:

Die ersten Fünf:

  • 15.000€ für einen “joe noname”, der lt. Antrag karl.s.eiringer ist und auf keiner der internen Listen je in erscheinung getreten ist.
  • 14.925€ für Andreas Findeisen, ein Mitglied des organisierenden PK
  • 12.526€ für magnus wurzer
  • 11.461€ für Paul Böhm von Metalab, die schon beim backbonevoting 2 Projekte nahe der Höchstsumme von 20.000€ gewonnen haben und sehr gut organisiert sind.
  • 11004€ für eSeL Lorenz Seidler, der dem System durchaus kritisch gegenübersteht.



Auf den Plätzen:

  • Eva Grumeth: 10352,91
  • Tina Lorenz: 10232,81
  • Michael Mastrototaro: 9393,17
  • lizvlx: 9187,28
  • Christian Jeitler: 8723,74
  • Claudia Glechner: 6915,18
  • Judith Fegerl: 5276,96
 
community/mana/statement.txt · Last modified: 2006/05/18 08:41 by peter